Reportagen
© Wochenzeitung WoZ Nr. 37/1999
Grabe wo du gehst – und Andere Wanderweisheiten
Wandern ist verstärktes Leben
Nach «Grenzschlängeln» und «Veltliner Fussreisen» haben Ursula Bauer und Jürg Frischknecht ein drittes Lesewanderbuch, dieses Mal über das piemontesische Valle Maira, geschrieben: »Antipasti und alte Wege«. Anlass genug, etwas aus der Schule zu plaudern.
Es war im Herbst 1993, als uns im Ofenpassgebiet der «Grenzschlängeln»-Blitz traf: die Idee und gleich auch der Titel für unser erstes Wanderbuch. So beginnt die Geschichte aus der Sicht der einen Wanderseele. Die andere hat die Blitz-Idee fürs erste schlicht überhört, trotz der herbstlichen Stille über der Hochebene von Jufplaun. Sie erinnert sich eher an ein friedliches Vorsichhingehen, grenzschlängelnd via Buffalora, das oberste Val Mora, den Fraelepass, den Stausee San Giacomo, die Adda-Quellen und schliesslich über den Alpisellapass.
Diese Wanderung ist ein dramaturgisch schön gebauter Mehrakter mit verschiedenen Übergängen und wechselnden Tälern, ein Tanzen zwischen zwei Ländern und zwischen den Einzugsgebieten von Inn und Po, auch ein Wandeln auf den Spuren der Geschichte, auf alten Alpwegen, Militärstrassen und Schmugglerpfaden. Und als Ziel Livigno, einst Walsersiedlung und heute Zollfrei-Rummelplatz - ein Dorf, das in seiner Zerrissenheit zum Mäandern zwischen den Welten passt.
Mag sein, dass die Weiche schon gute vierzig Jahre früher gestellt wurde. Da gibt es eine blasse Erinnerung an ein heulendes Kind, das unbedingt und sofort zur Kuh werden wollte. Denn etwas Schöneres konnte es sich kaum vorstellen, als im Angesicht von Eiger, Mönch und Jungfrau tagein tagaus, das Maul voller saftiger Kräuter, über die Alpweiden zu ziehen.
Jeder Hinweis auf das Schicksal, das die Tiere im Herbst erwartete, war Verschwendung. «Ig wott es Chueli sii und uf d'Aup.» Die Metamorphose misslang, doch ein Hang zur kontemplativen Trägheit und eine unstillbare Sehnsucht nach Alpweiden, über die man gehen kann, und an «saftige Kräuter» ist dem heulenden Kind von einst geblieben.
Die Alpweiden genügten später nicht mehr. Nun waren einsame Pässe, nichts als Stein und Wasser, das höchste der Gefühle. Meist zu zweit stapften wir Stunde um Stunde und Tag um Tag bergauf und bergab und freuten uns spätestens ab Mittag auf das Abendessen, auf's gute.
Zwar versteckten wir die roten Wandersocken unter engen Bluejeans, politisch waren wir dennoch voll daneben. In «unseren Kreisen» galten Wandervögel schon fast als verkappte Faschos. Vollends dubios war unser Mix. Der Hang zum ausgedehnten Abendessen am weiss gedeckten Tisch und zum Flaschenwein war der Gipfel unpolitischer Spiessigkeit. Getafelt wurde, und dies durchaus opulent, korrekterweise zu Hause, in der WG. Jahrelang waren wir denn auch in den Berghotels und Landgasthöfen mit Abstand die Jüngsten.
Die elegante Rechtfertigung, «dass sanfter Tourismus auch was kosten dürfe», kam erst in den achtziger Jahren auf. Dass wir heute beim Dinieren nach dem Marschieren bei weitem nicht mehr die Jüngsten sind, hat nicht nur mit unseren 52 Jahren zu tun. Jetzt sind wir voll im Trend.
Ein gefrässig Haustier
Wir erreichten Livigno an jenem Herbstabend mit einem Floh im Ohr. Der Floh war am nächsten Tag nicht weg und auch in den nächsten Monaten nicht. Er wurde unser Haustier, gefrässig und ziemlich präsent. Wir fütterten es mit Routenideen, lasen viel Gescheites über das alte und das neue Leben in den Alpen (und vergassen vieles wieder). Vor allem aber begannen wir, Wanderrouten und Lieblingsadressen, aber auch Landschaften und Geschichten zusammenzubringen.
Angefixt wurden wir, ehrlich gesagt, bereits 1991. Über den ganzen Sommer erkundeten wir damals ein Teilstück der Route, die das Transalpedes-Team im folgenden Jahr auf seinem langen Marsch von Wien nach Nizza benützte. Aus dem unbeschwert lustvollen «Heute gehen wir ins Berner Oberland, nächste Woche vielleicht ins Engadin» war plötzlich eine strikte Vorgabe geworden: Meran-Maloja-Mauvoisin, Meter für Meter zu Fuss. Wir liessen uns an die Leine nehmen und begannen im Südtirol gen Westen zu wandern. Unterwegs, bei einem der vielen Grenzübertritte, schlich sich das neue Verb grenzschlängeln in unseren Wortschatz. Wochen später kamen wir als begeisterte «Trüffelschweine» im Engadin und schliesslich im Herbst in Mauvoisin im Wallis an.
Der Zwang, nach gehfreundlichen Varianten zu suchen, hatte zu einer überraschenden und originellen Route geführt. Dazu kam, dass uns die Wegsuche in Gegenden entführte, die für uns früher schlicht Sperrzone waren: Rummelpässe, Kraftwerkbauten, Skianlagen. Was wir bislang diskussionslos als Horror abgetan hatten, weckte plötzlich unser Interesse. Nicht wegrennen, sondern hinschauen, hiess die neue Devise.
Laufe, läse, esse
Nun, 1994, wollten wir, nicht eben bescheiden, das Wanderbuch schreiben, das uns bisher gefehlt hatte. Wir dachten an Leute, die gerne wandern, essen und lesen. «Laufe, läse, ässe». Grenzschlängeln von Samnaun im Osten bis nach Saint-Gingolph am Genfersee, zigzagando la frontiera, wie ein Rezensent später übersetzte. «Zickzackend» auch durch die Geschichten der Täler und Dörfer, das Gesicht der Landschaften erkundend, dabei keine angenehme Übernachtungsadresse auslassend.
Hautnah erlebten wir im langen Sommer 1994 die alte Weisheit neu: Wer sich in den Alpen über eine längere Distanz ausschliesslich zu Fuss bewegt, ist der Geschichte nahe. Man geht über die Pässe, die einst verbanden, was Staatsgrenzen und Talstrassen heute trennen. Von Saas Almagell geht es folgerichtig über den Moropass zu den einstigen Walsernachbarn in Macugnaga und am nächsten Tag über den Turlopass weiter nach Alagna. Mit dem Auto wären es etwa zweihundert Kilometer. Und aus dem hochgelegenen Juf ist es über den Madrisberg hinunter nach Chiavenna überraschend nahe. (Wir waren jedoch froh, unseren Jahreseinkauf an schönen italienischen Weinen nicht, wie die Averser vor hundert Jahren, auf dem Buckel über den 2600 Meter hohen Pass zurücktragen zu müssen.)
Nur in wenigen Fällen waren über Jahrhunderte genutzte Wege nicht mehr begehbar. Und nur einmal war es wirklich eine Enttäuschung. Auf den alten Valcournera-Übergang zwischen dem italienischen Matterhorn-Dorf Breuil und Valpelline im Aostatal hatten wir uns sehr gefreut. Wir betrachteten ihn als einen alten Bekannten, da er uns in Reisebeschreibungen des 19. Jahrhunderts immer wieder begegnet war. Geblieben ist bloss eine «moderne» Direttissima in einer steilen Rutschhalde, wenig einladend für Bergwanderer, die auf Pickel und Seil verzichten. Auch dieser Frust führte schliesslich zu einer kreativen Alternative, dank der wir das Oratorio Cuney, einsam über dem Aostatal sitzend, kennenlernten. Der eigenartige Zwang, dem wir uns wieder unterworfen hatten, nämlich eine zusammenhängende Route für Bergwandernde zu finden, hatte sich ein weiteres Mal als ergiebiges Experiment erwiesen.
Grabe, wo du gehst
Im Spätherbst 1994 standen wir auf dem Gipfel der Cornettes de Bise hoch über dem Genfersee. Die letzte Lücke in den 47 «Grenzschlängeln»-Etappen war geschlossen, die Route hatten wir nun. Doch wie sollten wir das Netz des thematischen Hintergrundes auslegen? Vieles hatte sich unterwegs ergeben. Gespräche brachten uns auf eine Idee; eine Broschüre, die wir zufällig in einem Dorfladen fanden, bescherte willkommene Aha-Erlebnisse. Oder auch mal ein veritables Buch, gottlob nicht immer ein prächtig illustrierter, auf schönes, schweres Papier gedruckter Band wie jener über die Goldminen in Alagna. Da hat man den Griff der Zahnbürste extra etwas abgesägt, damit sie ins kleine Necessaire passt, hat jedes Leibchen und jede Unterhose abgewogen - und trägt hinterher stolz zwei, drei, vier Kilogramm unterwegs zugekauften Papiers über sieben Pässe. Gewicht, von dem jetzt halt auch unsere LeserInnen etwas abbekommen.
Im Winter haben wir die Fussreise vom Inn an den Genfersee noch einmal gemacht, im Kopf und am Bildschirm. In der eigenen Bibliothek, die über den Sommer kräftig gewachsen war, fand sich vieles. Wiederholt halfen die Ortskataloge der Landesbibliothek weiter. (Inzwischen, mit informatisierten Katalogen, ist die Suche nach Orten oder Stichworten noch ergiebiger, und immer wieder finden wir auf www.zvab.com Trouvaillen.) Oft waren wir Fussnoten auf den Fersen. In Anmerkungen versteckte Literatur kann sich als Fundgrube erweisen, wenn man sie unter einem bestimmten lokalen Blickwinkel neu auswertet. Dank dem Kleingedruckten im Katalog zu einer Ausstellung des Fotografen Ernst Brunner stiessen wir auf dessen Illustriertenreportage über den Asbestabbau im Puschlav (und fanden so die verlassenen Gruben).
Insgesamt entstand so ein unvollständiger, aber keineswegs zufälliger «Flickenteppich». Wie bei den Service-Infos sahen wir uns auch beim Schreiben der thematischen Geschichten als DienstleisterInnen, die Informationen journalistisch aufbereiten. Wir gingen und gehen davon aus, dass sich auch andere für Dinge interessieren, die «am Weg» liegen. Für den Bankenplatz Lugano oder den internationalen Skizirkus im Val d'Illiez, für einen vergessenen Feldzug der Berner ins Veltlin, für schubladisierte Bahnprojekte, für italienische Revolutionäre und noble Bädertouristen. Wir klaubten in Fachpublikationen banale Daten über schmelzende Gletscher und die Stauseen am Weg zusammen: wann die Staumauern gebaut wurden, wie viel Wasser sie stauen, wem sie gehören. Oder wir durchforsteten die Literatur über die beiden Weltkriege, über Partisanen und über Flüchtlinge nach Informationen, die unsere Route betrafen.
Überrascht erlebten wir, wie sich die allgemeine und die private Geschichte unerwartet begegnen können. In «Grenzschlägeln» findet sich das Foto eines grenznahen französischen Ferienhauses, von dem aus jüdische Flüchtlinge (vergeblich) ins schweizerische Saint-Gingolph zu gelangen versuchten. Dass die eigene Mutter exakt in diesem Haus vor dem Krieg ihre Sommerferien verbracht hatte und auch die Schmugglerpfade und Schleichwege kannte, berührte uns.
«Grabe, wo du stehst», hat der schwedische Historiker Sven Lindqvist die «Oral history» vor Ort genannt. Nicht nur die grosse Welt- oder Landesgeschichte ist interessant, sondern auch die Erforschung des Ortes, wo man lebt. Und die Kombination dieser lokal «gegrabenen» Informationen mit anderem Wissen. Wir wandeln diesen Gedanken geringfügig ab: «Grabe, wo du gehst.»
Zeigen, was man nicht sieht
Bald schälte sich auch ein entsprechendes Illustrationskonzept heraus: zeigen, was man nicht mehr sieht beziehungsweise leicht übersieht. Die grandiose oder auch weniger grandiose Landschaft sieht man mit eigenen Augen, so man eine Wanderung unter die Füsse nimmt. Aber man sieht nicht mehr, wie das obere Veltlin gleich nach dem Bergsturz vom Juli 1987 aussah. Und was liesse sich anstelle des ewigen Matterhorns zeigen? Wir entschieden uns für die wacklig-sympathische Zeichnung des Oberhaslers Weissenfluh der Jüngere, ein früher Bergführer und Bergbegleiter, der uns (zusammen mit seinem Vater) die höchst vergnügliche und informative Weissenfluh-Chronik hinterlassen hat. Den Schmuggel im Grenzgebiet zwischen dem Tessin und dem Comersee illustrierten wir mit dem Titelblatt des «Domenica del Corriere», das dramatisch gezeichnet ein Scharmützel zwischen Carabinieri und Schmugglern im Val Intelvi im Jahre 1934 zeigt - zufällig gefunden auf einem Flohmarkt in Lucca. Und zum Kaffeeschmuggel zwischen dem Puschlav und dem Veltlin fanden wir Fotos in der «Zollrundschau».
Vor-GängerInnen
Wir haben «Grenzschlängeln» ziemlich unbekümmert und in manchem zufällig geschrieben. Dazu gehört auch die verwendete erste Person. Erst hinterher haben wir realisiert, dass das Ich oder Wir aus Wanderbüchern ziemlich verschwunden ist (von Selbstverwirklichungstrips abgesehen). Mit der subjektiven Verankerung verschwinden in der Regel auch die zeitliche Verankerung und die Launen des Wetters. In unpersönlichen Wegbeschreibungen herrscht stets stabiles Wanderwetter. In der Wir-Form funken auch mal Donner und Blitz oder Regen und Schnee dazwischen.
Bei der Arbeit an den «Veltliner Fussreisen», unserem zweiten Floh, fiel uns erst richtig auf, dass wir mit dieser subjektiven Form nahe bei manchen VorgängerInnen aus dem letzten Jahrhundert lagen. Den schweigsamen Berggänger Johann Jakob Weilenmann aus St.Gallen beispielsweise hatten wir schon beim «Grenzschlängeln» kennengelernt. Umso mehr freuten wir uns, ihn als guten alten Bekannten um 1870 im schicken neuen Bad zu Bormio wieder anzutreffen, beschrieben von Eduard Osenbrüggen, einem jener liberalen deutschen Flüchtlinge, die an der Universität Zürich Professor geworden waren. Der Strafrechtler wanderte fürs Leben gern und handelte unterwegs so spannende Kriminalfälle ab wie die (stümperhafte) Brandstiftung des Wirtes auf dem Grimselhospiz. Und beiläufig prägte er das wunderschöne Motto «Wandern ist verstärktes Leben».
Originaltöne, verklungene Stimmen und heutige, faszinieren uns: die grossbürgerliche Engländerin «Mrs. Henry Freshfield» von 1860 und die arbeitssuchende junge Veltlinerin um 1900, Kriegsgurgeln und Dichter, der Chefredaktor einer Regionalzeitung und der Alpenpolitiker in den neunziger Jahren.
Vom Wege abkommen
Zum Entdecken der alten Wegnetze gehört auch das gelegentliche Steckenbleiben in Sackgassen. Wer rekognosziert, nimmt das auf sich. Wer ein Wanderbuch benützt, möchte davon verschont bleiben. In Missachtung dieser Faustregel versuchen wir, die faszinierende Erfahrung dieses Wegesuchens in kleiner Dosis weiterzugeben. So beziehen wir gelegentlich alte Wege mit ein, die kaum mehr begangen sind.
In den «Veltliner Fussreisen» haben wir das Experiment gewagt, die LeserInnen für eine knappe Stunde (am vierten Tag unserer Talwanderung) in die Büsche zu schicken. Der anfänglich gute Weg beginnt sich im einst bewirtschafteten, heute jedoch eingewachsenen Hang voller Zeugen der früheren Landwirtschaft zu verlieren. Verschiedene Wegspuren führen unproblematisch ins Tal, wo dann die Fortsetzung der Route wieder eindeutig ist. Auch im «intensiv verlassenen» Valle Maira schlagen wir zwei Ausflüge auf Wegen vor, die sich im neuen Niemandsland verlieren - weil wir meinen, dass man auf diese Weise praxisnah viel erfährt.
Gelegentlich bringt uns ein Thema vorübergehend vom offiziellen Wanderwegnetz ab. In der Umgebung von Jufplaun schlagen wir einen Abstecher zu den letzten Zeugen der früheren Flösserei vor. Im Puschlav und auf der Walliser Alp Salanfe sind ehemalige Asbest- beziehungsweise Goldminen der Grund für eine Variante abseits des offiziellen Wegs. Aber immer gilt: Die Route muss für BerggängerInnen unproblematisch zu begehen sein.
Wir hören den Einwand: Die spinnen! Die geraten auf Abwege oder verlieren sich im Dickicht und wollen uns das auch noch schmackhaft machen. Wir locken gelegentlich «abwegig», das stimmt. Aber die LeserInnen entscheiden immer noch selbst, welche Routen sie gehen und welche nicht. Und dafür, dass man zügig und unbeschadet von A nach Z gelangen kann, ist ja ebenfalls gesorgt.
Etwas gar zügig, seufzt es uns oft entgegen. Zwei, drei Berechnungspannen (in den 1. Auflagen) mal beseite gelassen, schwören wir, dass unsere Zeiten vom gleichen Gehtempo ausgehen wie die hiesigen gelben Wegweiser. Zugegeben: Mitunter empfehlen wir lange, ja sehr lange Etappen. Wir wagen dies, weil man sie je nach Lust und Laune (oder Kind und Kegel) auch aufteilen oder abkürzen oder überhüpfen kann.
Heruntergekommen
Im Verlaufe unseres Wanderlebens sind wir deutlich heruntergekommen, höhenmässig. So schlagen wir in den «Veltliner Fussreisen» in den Rhätischen Alpen nicht den teilweise alpinistischen Sentiero Roma vor. Vielmehr suchten wir etwa 500 bis 1000 Höhenmeter tiefer eine eigene Route, die durch (ehemals) bewirtschaftete Zonen führt und die Täler nicht meidet. Auf den Alpen und in den Hängen der Mezzacosta hat man mehr vom (ehemaligen) Leben.
Nichts gegen gebirgige Höhen, wie sie etwa Maurice Chappaz in seiner «Haute Route» meisterhaft beschreibt: der Mensch (insbesondere der Mann) allein in der rauhen Natur. Aber der «Gesang von der Grande Dixence» interessierte uns letztlich mehr, in dem der junge Geometer Chappaz den Kraftwerkbau schildert.
An diesem «Herunterkommen» ist der Alpengeograf Werner Bätzing mitschuldig. Sein Klassiker «Die Alpen» (1984 erstmals erschienen) hat etliche unserer Generation in das «Lesen» der alpinen Landschaft eingeführt, hat die Augen geöffnet für die Tatsache, dass die «schöne Natur» zwar vielleicht von Gott geschaffen, aber vor allem durch jahrhundertelange menschliche Arbeit zu dem gemacht wurde, was wir heute sehen. Und für die Tatsache, dass das labile ökologische Gleichgewicht ohne diese Arbeit, ohne diese kontinuierliche Investition in die Landschaft, schnell kippen kann.
Wenn wir nach unseren Wurzeln fragen, so wären neben Bätzing weitere zu nennen, etwa Peter Kammerer und Ekkehart Krippendorf mit ihrem 1979 erschienenen «Reisebuch Italien» mit dem programmatischen Untertitel «Über das Lesen von Landschaften und Städten». Die Lust am Weit(er)wandern hat Christoph Henning mitgeweckt, mit dessen Beschreibung wir wiederholt von Genua in die Cinque terre wanderten. Und keine seiner Essadressen ausliessen. Weitwandern nicht als Überlebensübung, sondern als genussreiche Veranstaltung. Auch wenn nicht unterschlagen werden soll, dass man dabei auch schwitzt oder friert oder flucht oder sich über die Idealroute in die Haare gerät.
Man sieht nur, was man weiss
Eigentlich lässt sich fast alles auf den kleinen Satz reduzieren: «Man sieht nur, was man weiss.» Aber nicht alles, was man weiss oder wüsste, was man irgendwann einmal gehört oder gelesen hat, sieht man auch. Es ist ein schrittweiser wechselseitiger Prozess. Was man bloss angelesen hat, verflüchtigt sich. Was man vor Ort kennenlernte, bleibt hängen. Und macht einen offen für zusätzliche Informationen.
1997 und 1998 waren wir, einem weiteren Floh gehorchend, vor allem im piemontesischen Valle Maira unterwegs. Mit der Zeit fiel uns, ganz nebenbei, auf, dass die alten Saumwege mit ihren Trockenmauern sehr oft von Eschen gesäumt waren. Oft war es eine Eschenzeile, die uns auf einen alten Weg aufmerksam machte. Warum gerade die Esche bevorzugter Wegbaum war, blieb uns vorerst ein Rätsel. Oh ja, für seine Kaninchen sei das Laub der Frassini eine Delikatesse, erzählte uns irgendwann ein alter Mann, der mit zwei riesigen Büscheln Eschenlaub unter dem Arm auf dem Heimweg war.
Wir nahmen wieder einmal Christian Küchlis «Baumporträts» und seinen Prachtsband «Wälder der Hoffnung» zur Hand - und fanden alles über das Schneiteln des Eschenlaubs im zweijährigen Rhythmus, was zu verdickten Knoten und einer auffälligen Baumform führte. «Wiesen in der Luft» nannte der Schweizer Forstpionier Karl Kasthofer im letzten Jahrhundert diese Gewinnung von Laubheu für das Vieh und von Futter für das Kleingetier.
Nun war unser Auge geschärft. Beim x-ten Durchblättern eines Fotobuchs des Amerikaners Clemens Kalischer, der vor bald vierzig Jahren in den Abwanderungstälern des «andern Piemont» die alte Landwirtschaft dokumentiert hatte, sprang uns sofort das Foto einer schneitelnden Frau in die Augen, das wir bisher nicht «gesehen» hatten.
Mitunter verfolgen einen die neugewonnen Einsichten. Im Mairatal waren es nebst den Eschen die Blockgletscher, Quasi-Gletscher aus einem gefrorenen Gemisch von Geröll und Wasser. Die mächtigen, vegetationslosen Geröllzungen liegen wie Gletscher in der Landschaft. Die Alpen sind voll dieser Dinger, denen wir früher keine Beachtung schenkten. Im Mairatal, im Grenzgebiet zu den französischen Alpen, sind wir ihnen auf Schritt und Tritt begegnet - Prachtsexemplaren.
Zweimal ist besser als einmal
Die eigene Wahrnehmung ist eine kapriziöse «nahe Bekannte». Mal ist man schlapp und mag nicht links noch rechts schauen, man friert, es regnet Bindfäden und im Hotel ist es kalt. Mal wehen die linden Lüfte, Edelweiss blühen am Wegesrand, in jedem zerfallenden Stall sieht man ein kleines Wunder der alpinen Baukunst, und das Nachtessen in der kleinen Pension ist natürlich hervorragend, der einfache Tischwein von erlesener Güte. Gerade wenn es einem über alle Massen gut gefallen hat, ist Vorsicht am Platze. Und ein zweiter Besuch ratsam - oder der Hinweis auf die momentane eigene Befindlichkeit. Die darf in solchen Fällen ruhig durchschimmern. Bis zur nervtötenden Nabelschau ist es (so hoffen wir doch sehr) immer noch ein weiter Weg.
Wir lernten, unseren (vor-)schnellen Urteilen zu misstrauen. Im Veltlin haben wir uns lange Gedanken gemacht über die unerwartete, allgegenwärtige Armut. Wie zu Grossmutters Zeiten waschen Frauen am Dorfbrunnen. Wir bedrängten Einheimische mit entsprechenden Fragen. Und lernten, dass die aufwendige, aber sehr kommunikative Handwäsche sehr wohl mit dem Fernseher, der Tiefkühltruhe und der ebenfalls vorhandenen Waschmaschine samt Tumbler einhergehen kann.
Verändert hat sich auch unser Urteil über Landschaftszerstörer. In Gabiet, einer Gegend südlich des Monte Rosa, stellten wir fest, dass die Kraftwerkbauer um 1920 mit der Landschaft ungleich respektvoller umgegangen sind als die Skizirkusdirektoren der neunziger Jahre.
Was schreiben - und was nicht?
Wer wandert, ist auch Voyeur. Man spekuliert und projiziert, was das Zeug hält. Klatsch und Tratsch peppen auf, wenn die Wanderfreude darnieder liegt. Das private Vergnügen ist das eine, das Ausbreiten in einem Buch wäre das andere. Zwar leisten wir uns vielleicht noch das Vergnügen, die süffige Schmonzette vom «Lolita-König auf Gardetta» genüsslich auszuformulieren. Aber sie kippt noch vor dem Schlusslektorat aus dem Manuskript. «Zu Besuch bei den Eingeborenen» könnte leicht als ungewollter Beigeschmack hängenbleiben.
«Ihr müsst unbedingt vor der Küche in Sowieso warnen.» Wären wir in Bormio oder in Lugano, so wäre der Verriss ein Muss. Bei abgelegenen Lokalitäten enthalten wir uns eines Kommentars. Wir schweigen und hoffen, dass zusätzliche BesucherInnen irgendwann den Koch oder die Köchin beflügeln werden.
Heikel geblieben ist die Frage, ob und wie weit wir Kritik von unserer Seite, also von aussen, via Wanderbuch in die Gegend tragen sollen. Ein Beispiel: Im Mairtal wurde 1998 der Bau einer ganzen Reihe von Kleinkraftwerken beschlossen, die bisher unversehrte Nebenbäche nutzen. Sie werden als umweltfreundlich und vor allem als entscheidender Kick für den Aufschwung des Tals gepriesen. Praktisch zur gleichen Zeit verfolgten wir in der «Provincia di Sondrio», der Veltliner Wochenzeitung, eine heftige Kontroverse über die Piccoli salti, wie dort diese Projeke mit geringem Gefälle genannt werden. Fischer und Umweltverbände liefen Sturm gegen die Ausbauvorhaben. Im Valle Maira hingegen fanden wir keine formulierte Kritik (die wir gerne zitiert hätten). So liessen wir es bei einem diskreten Hinweis auf die parallele Situation im Veltlin bewenden.
Unsere Wanderlesebücher wiegen schwer und teilen das sonst geneigte Publikum in zwei Lager. «Ihr treibt es zu dick», urteilen die einen. Das Buch falle im Rucksack zu sehr ins Gewicht. Ob man nicht die Serviceinformationen in einem kleinen Beiheft zusammenfassen könnte? Das andere Lager ist vehement dafür, Wandertechnisches und Hintergründiges zwischen den gleichen Buchdeckeln zu belassen. «Früher trug ich Krimis für die abendliche Lektüre mit, jetzt genügen mir eure Geschichten.» Wir empfehlen bei Bedarf den Kopierer. Und vermelden stolz, dass «Antipasti und alte Wege» kein Pfund mehr wiegt.
Weshalb der Trip?
Mag sein, dass immer unklarer erscheint, weshalb wir überhaupt solche Wanderlesebücher schreiben (was, allen Gerüchten zum trotz, wenig mit Geldverdienen zu hat). Warum wir stets von Neuem auf den Trip gehen und zu Trüffelschweinen werden, uns mal mit müdem Grunzen, mal mit aufgeregtem Quieken durchs Dickicht von Wanderkarten, Speisekarten, Weinkarten und Katalogkarten schlagen. Vielleicht einfach deshalb, weil wir keine bessere Methode gefunden haben, die eigene Trägheit zu überlisten und Entdeckungen zu machen in einer Zeit, wo es, so geht die Mär, hierzulande nicht mehr viel zu entdecken gibt.
Jetzt mal Pause, sagen wir, und reden von Reisen nach New York oder Tokio. Aber da war doch eben diese spannende Ausstellung über die Bündner Schwabenkinder zu sehen, im Vintschgau fliessen wieder die Wasser durch die letzten alten Waale, der Lagrein im «Goldenen Adler» in Schleis schmeckte toll, den sollte man nochmal versuchen, Botta baut vielleicht ein neues Bad im Bleniotal (die Antwort auf Zumthors Therme in Vals), im Onsernonetal taucht möglicherweise bald der Bär auf ...
Vielleicht reicht es heuer zu einer Woche Ferien am Meer, wer weiss.


